Jeder Realismus ist anders als die Realität.

"Die Kunst ist eine Produktion. Eine überaus verwickelte, kaum überschaubare, aber eine Produktion".

Majakowski machte mir mit dieser Behauptung lange zu schaffen, als ich mein Tun noch unter dem Gesichtspunkt einer besonderen Welt sah, die in sich geschlossen, von Außenstehenden nie ganz erfassbar, vielleicht nur dem über Nationen hinaus durch das Latein verbundenen Gelehrtentum früherer Zeiten vergleichbar schien.

Eines Tages aber fing auch ich an, mich um das Kunstgeschehen zu kümmern und wurde mit bunten Typen von Galeristen, Kritikern und Malern konfrontiert. Ich stand gewissermaßen im Vorhof und inmitten von Machern, Sammlern und Händlern erfuhr ich, wie recht jener Majakoswski hatte: eine Branche umgab mich und ein einschlägiger Markt. Was zwar nicht heißen soll, der Verbraucherkreis hätte Einfluß auf das Bruttosozialprodukt. Aber allein schon aus der Virulenz all dieser Galerien im Umfeld lässt sich auf die Existenzberechtigung des Marktes schließen. Und beim nötigen Einblick ins kunstpolitische Treiben lässt sich feststellen, daß sich dort sog. aktuelle „Richtungen“ manifestieren, wie z. B. auch ein neuer Realismus, hart und von jeden Realisten anders definiert. Das wundert nicht, denn mit dem Wort Realismus konfrontiert, sieht man bald ein, daß es in allen Schubladen zu griffbereit liegt, um noch Volumen zu haben. Allein der Begriff „Wirklichkeit in der Kunst“ erscheint ja schon so fragwürdig, daß man von einer gleitenden Änderung einer stetigen Wandlung realistischen Kunstschaffens ausgehen sollte. Mit anderen Worten: nur die jeweilige persönliche, empirische Anschauung bestimmt die Darstellung, die deshalb subjektiv ist und nicht realistisch im Sinne der lexikalen Definition.

Allgemein gesehen, stünden ja genügend rechtfertigende Resümees in zahlreichen Kunstgeschichtswerken zur Verfügung. „Nassstab für Naturalismus ist die äußere Richtigkeit, der Realismus die innere Wahrheit“ oder „Naturalistische Malerei bildet ab, realistische verwirklicht“. Persönlich allerdings möchte ich nicht an solchen Parolen haften. Sie dienen nur der bequemen Orientierung auf einem unübersichtlichen gewordenen Markt. Und ich meine ein Werk muß in erster Linie schöpferisch sein, wenn es zählen soll. Kunst hat es letztlich immer mit Realität zu tun. Und wenn sich da gegenüber früheren Generationen etwas geändert hat, dann doch nur hinsichtlich des Bildinhalts, nichts aber am Können und nichts an der Qualität. Der Inhalt aber unterlag in jeder Epoche dem Wechsel der Zeit, die er widerspiegelt. Nichts scheint mir daher abstrakter als die Wirklichkeit; die sowieso heute schwerlich noch definiert werden kann und aus manchem Lexikon verschwunden ist.

Die Frage lautet also gar nicht: „Was ist Wirklichkeit?“, sondern sehe ich in der realistischen Malerei ein Mittel, tatsächliche, objektive visuelle Informationen sichtbar zu machen. Der neue Realismus hat Zugang zu neuen Sujets und verbesserte Weisen, optische Informationen festzuhalten, die vorher nicht zugänglich waren. Der heutige Maler lässt sich also nicht mehr von poetischer Lieblichkeit und Harmonien blenden. Er sucht andere Schönheiten, die er in seinen Bildern vertreten will. Ihn fascinieren die Male und Zeichen unserer heutigen Umwelt und er ist bemüht sie aufzuzeigen. Er entdeckt ein neues Menschenbild, in dem eine harte Natur alle scheinbar gültigen Gesetze übertrifft. Wo z. B. die Symmetrie verworfen wird, um unterschiedliche Charaktere zu manifestieren. Verwundert es dann, wenn der Maler es ihr gleichzutun versucht, wenn er zu manipulieren beginnt?

Natürlich gibt sich unser neuer Realismus, der sich allein schon als solcher vom allgemeinen Kunstgehabe fernhält, wie seine Umwelt, wie die heutige Sprache, die Musik und wie die Menschen, laut und emotional, aufbrausend und voller Ängste. Er sucht sich seine Sujets aus Szenerien und Reservoirs, die der Identifikation noch harren, wo Verbrauchtes und Gewesenes neue Formulierungen erwarten. Realistische Bilder gehen die Umwelt an. Sie benötigen dazu weder „richtige“ Wiedergabe, noch exakte Anatomie und Perspektive. Sie wollen vielleicht neue Vorschläge anbieten, aber weder belehren noch beschönigen.

Gottfried Herrmann